>>Das Wissen über Trauma hat die Kraft, die Welt zu verändern!<< 

"Wenn wir die Auswirkungen von Trauma auf die menschliche Psyche verstehen, verstehen wir die Menschheit in ihrem scheinbaren Irrsinn.
Mit diesem Wissen können wir Bewusstheit schaffen und dieses Bewusstsein hat heilsame Kraft, denn es führt zu Wohlwollen und Verbundenheit, wo zuvor Urteil und Trennung waren."

Verena König

Psychoedukation - Wissensvermittlung über Traumata.

Sorge beim Lesen gut für Dich und lege eine kleine Pause ein, wenn sich etwas in Dir aktiviert fühlt. ♡

Was ist ein Trauma?

 >>Ein Trauma ist die am meisten vermiedene, ignorierte, herabgewürdigte, geleugnete, missverstandene und unbehandelte Ursache menschlichen Leidens>> 

Dr. Peter A. Levine


Bei dem Begriff Trauma denkt man meistens an die großen Ereignisse wie Krieg, Gewalt, Unfälle und schwere Krankheitsdiagnosen. 
  

Doch die Realität ist oft viel leiser, subtiler und vielschichtiger. Trauma muss nicht immer die einmaligen heftigen Ereignisse umfassen. Viel häufiger trägt es sich in den kleinen, unscheinbaren Momenten unseres Lebens zu.

Oft schon in der Kindheit, wenn die Bezugspersonen z. B. aufgrund eigener schwerer Krankheit oder Depressionen emotional nicht verfügbar waren. Auch Scheidungskonflikte, wiederholtes Mobbing oder die Überforderung unserer Bezugspersonen – all das sind Ereignisse, die unsere Kapazität zur Verarbeitung übersteigen können, gerade weil wir als Kinder klein und abhängig sind.

In diesen stillen Momenten, in denen wir keine sichere Bezugsperson hatten, die uns half, unsere Emotionen zu verstehen und zu regulieren, können Erlebnisse tief in uns Spuren hinterlassen, die wir im Nachhinein vielleicht kaum als «traumatisch» erkennen. Doch diese scheinbar alltäglichen Situationen haben das Potenzial, unsere innere Welt nachhaltig zu erschüttern. Diese kleinen, stillen Traumata dürfen mehr und mehr ins Bewusstsein der Bevölkerung rücken. Ebenso die Auswirkungen auf unsere Neurobiologie, um sich selbst und Anderen mit mehr Verständnis und Wohlwollen zu begegnen. (Hierauf gehe ich unter "Bindungs- und Entwicklungstrauma" weiter unten nochmal ein.)

Wann wird eine Erfahrung zum Trauma? 

"Eine Erfahrung wird dann zum Trauma, wenn sie unsere Fähigkeit zur Verarbeitung und Bewältigung übersteigt." Verena König


Unser Nervensystem ist von Natur aus darauf ausgelegt, Stress zu verarbeiten und unser Überleben zu sichern, die sogenannte Stressresilienz. 
Dennoch gibt es Situationen, die die Kapazität unseres Nervensystems überlasten und unser System an seine Grenzen bringt.


Damit eine Erfahrung das Potenzial entfaltet, zu einem Trauma zu werden, muss der Mensch in die sogenannte «traumatische Zange» geraten. Das beschreibt eine Situation, in der der Betroffene sowohl physisch als auch psychisch «in die Ecke gedrängt» wird. 

Sie zeichnet sich dadurch aus, dass die schützenden Grenzen auf körperlicher und seelischer Ebene gesprengt und dem Betroffenen keine ausreichenden Bewältigungsmöglichkeiten mehr zur Verfügung stehen. Es bleibt somit auch kein Raum, das Geschehene zu verarbeiten.
Die automatisch ablaufenden Überlebensreaktionen wie die Bindungssuche nach Co-Regulation durch eine andere Person, Kampf und Flucht, laufen ins Leere und ein Gefühl von Ohnmacht, Hilflosigkeit und Ausgeliefertsein stellt sich ein.  

 
Im Unterschied zu einem intensiven Erlebnis, das wir erfolgreich bewältigen und in unserem Gehirn geordnet und abgeschlossen abspeichern können, bleibt ein traumatisches Ereignis fragmentiert, unvollständig verarbeitet und kann uns langfristig belasten.

Was sind die Folgen?

Nicht gesehen, verdrängt und nicht aufgearbeitet (integriert), bleibt der Betroffene auf seelischer und körperlicher Ebene in dieser traumatischen Situation stecken. Dr. Peter A Levine, einer der bedeutendsten Traumaexperten unserer Zeit, beschreibt es als eingefrorene Energierückstände, die nicht aufgelöst oder entladen wurden und im Nervensystem gefangen bleiben, wo sie verheerende Auswirkungen auf Körper und Geist haben. 

Da es sich in vielerlei Hinsicht bemerkbar machen kann, nenne ich hier mal ein paar Beispiele:

Unkontrollierbare Emotionen wie Wut und Aggressionen, unangebrachte Verhaltensweisen, bis hin zum selbstsabotierenden Verhalten wie Selbstabwertungen und -Verurteilungen, Essstörungen, unerklärliche Angst, Panikattacken, immer in Alarmbereitschaft sein. 
Auch die sogenannte "Fawn Response" Unterwerfungsreaktion, sich anpassen, immer allen gefallen wollen und scharwenzeln ("People Pleasing") oder starke Scham- und Schuldgefühle, sind eine typische Traumafolge aus der Kindheit.

Oder man fühlt sich unlebendig, wie erstarrt oder eingefroren, hat keine Lebensfreude und Zukunftsperspektive mehr, man fühlt sich innerlich leer und ausgebrannt.
Sowie Symptome und Diagnosen von Schlafstörungen über Diabetes bis hin zu Fibromyalgie oder gar Krebserkrankungen.

Die Auswirkungen betreffen also den gesamten Organismus und können vielerlei Symptome und Krankheiten nach sich ziehen.
So können das Leben oder bestimmte Situationen, oft ohne ersichtlichen Grund, als bedrohlich und anstrengend empfunden werden. 
 

Ein Überlebensschutzmechanismus - die Dissoziation

Dass der Organismus der Betroffenen die hohe Ladung und Wucht der schrecklichen Ereignisse aushalten und überleben kann, werden diese in einzelne Teile zersprengt und abgemildert. Diese werden in emotionale, kognitive, sensorische, optische, olfaktorische und vegetative Puzzleteile abgespeichert. Man spricht von "heißen Erinnerungsfragmenten", die jederzeit durch entsprechende Reize wie Gerüche, Geräusche, Gefühle, Bilder, etc. getriggert werden und wieder überwältigende Reaktionen hervorrufen können, die von der traumatisierten Person nicht eingeordnet und somit selbst angezweifelt werden können.  

Die traumatischen Erlebnisse können nicht zusammenhängend erinnert und auch nicht in Worte gefasst werden. 


Deshalb sollten diese inneren Verletzungen aus traumatischen Erfahrungen immer ganzheitlich integrativ bearbeitet werden. 

Die wichtigsten Schritte und Ziele: 

  • Wieder ein Gefühl und eine Wahrnehmung für den eigenen Körper (Empfindungen, Emotionen, innere Bilder, Gedanken und Impulse) zu erlangen.


  • Aufbau von Ressourcen, Erdung und Vertrauen, auch in die eigenen Selbstheilungskräfte des Körpers.


  • Den "guten Grund" für das eigene Verhalten und die Zusammenhänge bestimmter Symptome mit erlebten Traumatisierungen verstehen zu lernen, so dass diese integriert werden können. 


  • Wiedererlangung des Ich-Gefühls – Stärke, Selbstliebe, Präsenz, Entspannung, innere Verbundenheit, Sicherheit und Handlungsfähigkeit. 


  • Perspektivwechsel, neue Potenziale entdecken hin zu Selbstermächtigung und Selbstwirksamkeit.


Ein Trauma ist verarbeitet und integriert, wenn wir an das Ereignis denken oder davon sprechen können, ohne, dass es uns überwältigt und unser Nervensystem mit Stress reagiert. Das Leben wird nicht länger von dieser Erfahrung bestimmt. 










 

Welche Arten von Trauma gibt es?

Trauma ist nicht gleich Trauma – die Auswirkungen traumatischer Erlebnisse hängen stark von der Art und der Dauer der Belastung ab.
Während manche Menschen einzelne, isolierte traumatische Ereignisse erleben, gibt es andere, die wiederholt traumatischen Situationen ausgesetzt sind.
Auch frühe und komplexe Traumatisierungen hinterlassen ihre Spuren und beeinflussen unsere Entwicklung.
Diese unterschiedlichen Formen von Trauma führen zu verschiedenen Symptomen und erfordern auch unterschiedliche therapeutische Ansätze.
Im Folgenden beschreibe ich verschiedenen Arten von Trauma, mit dem Anliegen, das Verständnis für die Vielfalt und Komplexität von Traumatisierungen zu steigern.


Entwicklungstrauma und Bindungstrauma: Auswirkungen auf die kindliche Entwicklung

Der Begriff „Entwicklungstrauma“ bezieht sich auf traumatische Erlebnisse, die die gesunde Entwicklung eines Kindes beeinträchtigen oder stören.
Solche Traumata entstehen durch frühkindliche Belastungen wie Vernachlässigung, Verlust von Bezugspersonen oder Misshandlungen.
Der stressige Einfluss auf die kindliche Entwicklung zeigt sich in langfristigen Veränderungen im Verhalten, der Emotionsregulation und der Fähigkeit, Beziehungen einzugehen. Häufig leiden diese Kinder unter Schwierigkeiten, sich selbst zu regulieren, zeigen auffällige Stimmungsschwankungen und empfinden oft diffuse körperliche Symptome wie Bauch- oder Kopfschmerzen.

Bindungstraumatisierungen entstehen, wenn in der Kindheit traumatische Ereignisse die Bindungsqualität und -fähigkeit zwischen Kind und Bezugsperson beeinträchtigen. Dies kann etwa durch den Verlust eines Elternteils oder durch Misshandlungen geschehen.
Bindungstraumata hinterlassen tiefe Spuren in der Art und Weise, wie wir als Erwachsene Beziehungen erleben und eingehen. Sie sind nicht das selbe wie Entwicklungstrauma, können jedoch oft gemeinsam auftreten.
Diese frühen Prägungen durch fehlende sichere Bindungen zu unseren Bezugspersonen führen dazu, dass Menschen mit Bindungstraumata Schwierigkeiten haben, emotionale Nähe zuzulassen und Vertrauen zu anderen aufzubauen.
Beziehungen sind dann oft häufig von der Angst vor Ablehnung oder Verlassenwerden geprägt, was als unsicheres Bindungsverhalten bezeichnet wird. Dies kann sich zum Beispiel in ständiger Vorsicht, einem starken Bedürfnis nach Kontrolle oder einem vermeidenden Umgang mit Nähe, um potenziellen emotionalen Schmerz zu vermeiden, äußern.

Monotrauma: Einzelne traumatische Erlebnisse

Monotrauma bezeichnet ein einzelnes, in sich abgeschlossenes Ereignis, das eine traumatische Wirkung entfaltet.
Oft wird ein Monotrauma auch als Schocktrauma beschrieben, da es durch seine Plötzlichkeit und Heftigkeit die betroffene Person in einen Schockzustand versetzen kann.
Solche Ereignisse umfassen zum Beispiel Unfälle, medizinische Notfälle, Opfer von Gewalt oder den plötzlichen Verlust eines Angehörigen. Auch Naturkatastrophen, Verkehrsunfälle oder Terroranschläge können zu einem Monotrauma führen.
Es handelt sich dabei um Erlebnisse, die unvermittelt und mit großer Intensität auftreten, wodurch sie die Betroffenen völlig aus der Bahn werfen können.

Sequenzielles Trauma: Wiederholte Traumatisierungen

Sequenzielle Traumatisierungen entstehen durch wiederkehrende oder anhaltende Belastungen, die sich über einen längeren Zeitraum erstrecken. Im Gegensatz zum Monotrauma sind die betroffenen Personen bei sequenziellen Traumata nicht nur einmal, sondern immer wieder traumatischen Situationen ausgesetzt.
Dies können Kriegs- oder Fluchterlebnisse, Folter, wiederholte Misshandlungen oder auch emotionale und körperliche Gewalt in der Kindheit sein.
Auch emotionale Schocksituationen wie Mobbing, soziale Ausgrenzung oder wiederkehrende Demütigungen fallen in diese Kategorie.
Durch die Häufigkeit und Dauer dieser Erlebnisse können sich tiefe, langfristige Prägungen entwickeln, die das Nervensystem der betroffenen Personen nachhaltig prägen.

Komplextrauma: Frühe und anhaltende Traumatisierungen

Komplextrauma beschreibt Traumatisierungen, die vor allem in der frühen Kindheit stattfinden und oft durch Menschen verursacht werden, die eigentlich eine Bindungsperson darstellen sollten.
Diese Art von Trauma entsteht durch wiederholte, andauernde Belastungen wie emotionale oder körperliche Vernachlässigung, Misshandlungen oder Bindungsverluste.
Komplextraumata haben oft eine besonders tiefgreifende Wirkung, da sie in einer Entwicklungsphase geschehen, in der das Nervensystem besonders verletzlich ist.
Viele Menschen, die als Kinder solchen Belastungen ausgesetzt waren, sind sich gar nicht bewusst, dass ihre Erfahrungen traumatisch waren, da sie diese als «normal» empfunden haben.
Diese Art der Traumatisierung hinterlässt oft lebenslange Spuren im emotionalen und sozialen Verhalten. 


 

>>Die Wurzeln der Resilienz, sind in dem Gefühl zu suchen, von Geist und Herz eines liebevollen, eingestimmten und selbstbeherrschten Anderen verstanden zu werden und darin geborgen zu sein.<<

Diana Fosha 


 

Traumafolgen in der Neurobiologie und der Weg heraus

Traumata, insbesondere solche, die in der frühen Kindheit entstehen, wirken sich tiefgreifend auf die Neurobiologie aus, da sie die Entwicklung der für Bindung, Emotionsregulation und Stressverarbeitung verantwortlichen Gehirnstrukturen beeinträchtigen.

Die Amygdala, das emotionale Alarmsystem, bleibt oft in ständiger Alarmbereitschaft, was zu einer Überreaktion auf wahrgenommene Bedrohungen führen kann. Bildlich gesprochen, löst die Neurobiologie der Betroffenen häufig unnötig Alarm in der „Feuerwehrzentrale“ aus, obwohl es weder ein Feuer noch gefährlichen Rauch gibt.

Gleichzeitig kann der Hippocampus, der für die Verknüpfung von Erinnerungen mit Raum und Zeit zuständig ist, in seiner Funktion beeinträchtigt werden, wodurch das Gefühl von Sicherheit und Vertrauen erschwert wird. Zudem führt die im Moment des Erlebnisses einsetzende Dissoziation dazu, dass Betroffene heute fragmentierte, belastende Erinnerungsschnipsel durchleben, ohne diese zu einem vollständigen, stimmigen Bild zusammensetzen zu können.

Darüber hinaus kann der präfrontale Kortex, der für rationale Entscheidungen und Selbstregulation wichtig ist, in seiner Entwicklung beeinträchtigt werden. Dies macht es schwieriger, emotionale Impulse zu kontrollieren und stressbedingte Reaktionen zu regulieren.

Diese neurobiologischen Veränderungen haben direkte Auswirkungen auf das tägliche Leben – die Betroffenen erleben eine ständige innere Unruhe, Schwierigkeiten, vertrauensvolle Beziehungen aufzubauen, und häufig Probleme, alltägliche Belastungen zu bewältigen.

Abschliessend lässt sich sagen, dass Traumata – besonders jene, die in der frühen Kindheit entstehen – tiefgreifende Auswirkungen auf unsere Neurobiologie und damit auf unser gesamtes Leben haben können. 

Das Verständnis dieser Mechanismen ist der erste Schritt, um sich selbst besser zu verstehen und Heilung zu ermöglichen.


Die NI - Neurosystemische Integration®:

Bietet wissenschaftlich fundiert einen sanften, ressourcenorientierten Ansatz, der das Ziel verfolgt, traumatische Erlebnisse auf neurobiologischer Ebene zu integrieren und dabei das Nervensystem zu unterstützen.

Es geht darum, Fragmentiertes zu einem stimmigen Ganzen zusammenzusetzen und wieder Vertrauen und Sicherheit im eigenen Körper zu finden. Indem wir in der Begleitung die Erkenntnisse der Neurobiologie mit traumasensiblen Methoden verbinden, können Betroffene neue Wege zu mehr Selbstregulation, innerer Ruhe und Lebendigkeit im Hier und Jetzt finden.

Wir lösen sanft die Verknüpfungen und Verflechtungen alter Erfahrungen und ersetzen sie durch neue, als sicher empfundene Erlebnisse, die uns helfen, innerhalb unseres Stresstoleranzfensters mehr Kapazität für die Herausforderungen des Alltags zu entwickeln.

Unter anderem üben wir in Zeiten der Überforderung und Hilflosigkeit uns selbst der Mensch zu werden, den wir selbst gebraucht hätten, als wir klein waren.